William Steinitz
William Steinitz wurde im jüdischen Getto von Prag geboren, als letztes von 13 Kindern einer armen Handwerkerfamilie. Über sein Geburtsdatum gibt es widersprüchliche Angaben: Schon in dem 1896 erschienenem Buch "Emil Schallopp: Das internationale Schachturnier zu Hastings im August-September 1895" ist zu lesen "Wilhelm Steinitz wurde geboren zu Prag am 14. Mai 1836. Wir verdanken dieses Datum seiner eigenen Angabe, die er uns auf direktes Befragen machte, und da man doch wohl annehmen darf, daß er es selbst am besten wissen muß, so ist hiernach die anders lautende Angabe des Wiener Kongreßbuches von 1873, der wir selbst bei unserer Bearbeitung des Wettkampfes Steinitz-Zukertort 1886 folgten, und die auch in das Bilguer'sche Handbuch übergegangen ist, zu berichtigen." Getauft wurde er ursprünglich auf den Namen Wolf Steinitz, später in Wien nannte er sich Wilhelm und seit seinem Umzug nach London nannte er sich William.
Steinitz erlernte das Schachspiel bereits als Kind, betrieb das Spiel aber erst ab 1858 in Wien ernsthaft, wohin er mit 20 Jahren übersiedelte um Mathematik zu studieren. Er gab das Studium an der Technischen Hochschule aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen auf und widmete sich ganz dem Schach, erst als Kolumnist und später auch als Berufsspieler. Schon nach kurzer Zeit galt er als der beste Schachspieler Wiens. Er gewann 1860 das Turnier der Wiener Schachgesellschaft mit 30 Siegen aus 31 Spielen.
Die Wiener Schachgesellschaft schickte Steinitz 1862 zum "Zweiten Internationalen Schachturnier" nach London, wo er den 6. Platz belegte. Im gleichen Jahr siedelte er nach London über, da er dort bessere Verdienstmöglichkeiten als Berufsspieler vorfand.
Im gleichem Jahr spielte er erfolgreich gegen den stärksten italienischen Meister Serafino Dubois 5:3 (+5, -3, =1). Die Folgejahre bescherten ihm weitere Erfolge; 1863 gegen Joseph Henry Blackburne 7:1 (+7, -1, =2) und im gleichen Jahr gegen Frederic Deacon 5:1 (+5, -1, =0), 1884 gegen Valentine Green 7:0 (+7, -0, =2), sowie den ersten Platz in Dublin 1865.
1866 bezwang er Adolf Anderssen in London mit 8:6 (+8, -6, =0). Anderssen galt nach dem Rückzug Paul Morphys aus der Schachwelt 1859 als bester Spieler seiner Zeit. Steinitz wurde nach dem Sieg von der Presse wie ein Weltmeister gefeiert, obwohl es diesen Titel offiziell noch nicht gab. Die erste offizielle Weltmeisterschaft fand erst zwanzig Jahre später statt.
Steinitz belegte den zweiten Platz 1867 in Dundee, den dritten Platz 1867 in Paris und den zweiten Platz 1870 in Baden-Baden. Er gewann das Turnier 1872 in London und 1873 in Wien. 1876 forderte er den Meister Joseph Henry Blackburne heraus und gewann mit 7:0 (+7, -0, =0). Im Turnier von Wien 1882 teilte er sich den ersten und zweiten Platz mit Szymon Winawer.
1884 ließ er sich in New York nieder und wurde Bürger der USA.
Steinitz gründete 1885 das "
International Chess Magazin", welches aber schon 1891 wieder eingestellt wurde, da er es sich mit seinen Lesern verdarb, indem er andere Schachgrößen bösartig kritisierte und auch vor dem Idol der Amerikaner, Paul Morphy, nicht Halt machte.
Die erste offizielle Schachweltmeisterschaft
"Heute, am 29. Dezember 1885, ist zwischen Willhelm Steinitz in New York und J.H. Zukertort aus London ein Übereinkommen getroffen, dahingehend, ein Schach-Match um die kämpenschaft (Championchip) der Welt und einen Einsatz von zweitausend (2000) Dollar von jeder Seite zu spielen."
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Fotodokumente aus den ersten Jahren der Schachweltmeisterschaft sind wahrlich eine Rarität. Die Zeitungen behalfen sich damals oft mit Kupferstichen. So wurde auch der allererste WM-Zweikampf Steinitz (rechts) gegen Zukertort in der Illustrierten Zeitung, die in Leipzig erschien, für die Nachwelt künstlerisch aufbereitet festgehalten. |
Erst mit diesem Vertrag beginnt die Zählung der Weltmeister. Es gab zwar schon vorher Spieler die als die besten der Welt angesehen wurden, z.B. Paul Morphy oder auch Adolf Anderssen, aber der offizielle Titel des Schachweltmeisters wurde erstmals 1886 vergeben.
Am 11. Januar 1886 begann in New York das erste Match um die offizielle Weltmeisterschaft im Schach, zwischen William Steinitz und Johannes Hermann Zukertort. Weltmeister sollte der Spieler sein der als erster 10 Partien für sich entscheiden konnte.
Nachdem Steinitz die erste Partie gewann stand es nach 5 Partien 4:1 für Johannes Hermann Zukertort. In den folgenden 15 Partien konnte Zukertort jedoch nur noch eine Partie für sich entscheiden.
Am 29. März 1886 stand mit William Steinitz der erste offizielle Schachweltmeister fest, mit einem Ergebnis von 10:5 (+10, -5, =5).
Steinitz verteidigte dreimal erfolgreich seinen Weltmeistertitel:
- 1889 gegen Mikhail Chigorin mit 10:6 (+10, -6, =1),

- 1890 gegen Isidor Gunsberg mit 6:4 (+6, -4, =9) und

- 1892 erneut gegen Mikhail Chigorin mit 10:8 (+10, -8, =5), recht knapp.

Am 26. Mai 1894, kurz nach dem 58. Geburtstag Steinitzs, begann sein Niedergang. Er verlor den Weltmeisterkampf gegen den 25jährigen Deutschen Emanuel Lasker deutlich mit 5:10 (+5, -10, =4).

Den Revanchekampf 1896/97 verlor Steinitz noch deutlicher mit 2:10 (+2, -10, =5).
Im vielzitierten "Schachturnier zu Hastings 1895" errang Steinitz nur den 5. Platz, nach Pillsbury, Tschigorin, Lasker und Tarrasch.
Der Sturz vom Schachthron verschlechterte seinen Gesundheitszustand drastisch, physisch wie auch psychisch. Er konnte es kaum verwinden, nicht mehr als der beste Schachspieler der Welt zu gelten.
Das Turnier in London, das am 30. Mai 1899 begann und zu dem insgesamt 15 Spieler antraten, war der Tiefpunkt für Steinitz. Er errang nur den 11. Platz mit 11,5 Punkten. Zugleich war dies Turnier der bisher größte Triumph Emanuel Laskers, der mit einem Unterschied von 4,5 Punkten zum Zweitplazierten den ersten Platz mit 22,5 Punkten (+19, -1, =7) errang. Dies Turnier war das erste seit Beginn Steinitzs Schachlaufbahn bei dem er ohne einen Preis die Heimreise antreten mußte.
Am 12. August 1900 starb Steinitz völlig verarmt in einer psychiatrischer Anstalt in New York. Es ist anzunehmen daß seine verschiedenen Krankheiten, die ihn seit Jahrzehnten plagten und hohe Arztrechnungen mit sich brachten, seinen finanziellen Ruin beschleunigten.
Steintz galt als der unbeliebteste Schachspieler seiner Zeit. Der kaum 1,50 Meter große Steinitz war gehbehindert, kurzsichtig, litt an Arthritis und einem Lungenleiden, war leicht reizbar und wurde von seinen Zeitgenossen als "größenwahnsinnig" bezeichnet. Er hatte die Angewohnheit unterlegene Gegner durch Anspucken zu demoralisieren. Mit James Henry Blackburne, auch "black death" genannt, geriet er einmal an den Falschen. Blackburne schleuderte Steinitz Kopf voran durch ein geschlossenes Fenster. Wenn Steinitz in Wut geriet so verhielt er sich geradezu "viehisch", "Das reinste Stachelschwein, wo immer man ihn anfaßt, sticht man sich.", kommentierte ihn ein Zeitgenosse.
Steinitz erarbeitete in der Folge Philidors, L. La Bourdonnais', Alexander Petrows, Howard Stauntons und Paul Morphys Theorien die der Romantik des Schachs widersprachen. Seine Positionslehre spielte eine wesendliche Rolle in der Entwicklung der Schachkunst. Auch seine Beiträge zur Eröffnungstheorie sollten nicht vergessen werden:
- Steinitz-System der Spanischen Partie
- Steinitz-Variante der Französischen Verteidigung
- Steinitz-Gambit der Wiener Partie
Seine Arbeiten zur Schachtheorie wurden zu seinen Lebzeiten wenig beachtet; so schreibt der englische Schachmeister Henry Bird: "Man tue die Schachfiguren in einen Hut, schüttle sie kräftig aus einer Höhe von zwei Fuß auf das Brett, und schon hat man eine Stellung à la Steinitz."
Steinitz schaffte es leider nicht seinen systematischen Eröffnungsleitfaden zu vervollständigen, lediglich der erste Band seines "Modern Chess Instructors" erschien 1889 in New York.
Aphorismen

"Schach ist nichts für ängstliche Seelen."
"Schach ist so inspirierend, daß ich nicht glauben kann, daß ein guter Spieler während der Partie böse Gedanken hegt."
"Ein Sieg nach einer sehenswerten, jedoch löchrigen Kombination erfüllt mich mit künstlerischem Horror."
"Nur der Spieler mit der Initiative hat das Recht anzugreifen."
"Ein Opfer widerlegt man am besten, wenn man es annimmt."
"Greife an, sonst gehst du deines Vorteils verlustig."
"Wenn du den selbstverständlichen Zug gefunden hast, dann suche weiter, bis du den besten gefunden hast."
"Ruhm habe ich schon. Nun brauche ich das Geld."
Anekdoten
Wilhelm Steinitz war ein absoluter Verehrer des Komponisten Richard Wagner.
Eines Tages spielte Steinitz im Wiener Schachclub einige Partien mit einem Unbekannten.
Als sich dieser zu später Stunde mit der Bemerkung, er reise am nächsten Morgen nach Bayreuth, um dort als Cellist im Festspielorchester mitzuwirken, verabschiedete, rief Steinitz: "Dann sehen Sie ja Richard Wagner. Richten Sie den Meister bitte aus, daß ich, der Weltschachchampion, ihn höher schätze als Mozart und Beethoven - ja, daß ich seine Musik als den Gipfel der Kunst ansehe!"
Wie es der Zufall wollte, trafen sich die beiden Herren einige Wochen später erneut im Schachclub.
"Haben Sie Wagner meine Worte übermittelt?" erkundigte sich Steinitz umgehend.
Der Cellist gab nickend zurück: "Ja, und Wagner meinte zu mir: "Ihr Steinitz versteht von Musik wahrscheinlich soviel wie vom Schach!"
Um seine finanzielle Lage zu verbessern, spielte der Weltmeister Steinitz regelmäßig in einem Londoner Caféhaus Schach-Schnellpartien um Geld.
Die Beträge waren nicht so klein wie früher in Wien, meist handelte es sich um ein englisches Pfund.
Einer seiner besten Dauerkunden war ein englischer Geschäftsmann, der jedoch sehr schwach spielte, daher immer verlor.
Nachdem sich dieser Spielverlauf wochenlang wiederholt hatte, überlegte ein Freund Steinitzs, ob es nicht ratsamer sei, seinen wohlhabenden Partner auch einmal gewinnen zu lassen, bevor jener das Interesse am Schachspielen mit dem Weltmeister verliere und Steinitz somit seinen besten Kunden.
Diese Überlegung erschien auch Steinitz sinnvoll und er beschloß daraufhin, die nächste Partie zu verlieren.
So stellte er im anschließendem Spiel seine Dame ungedeckt seinem Gegner entgegen.
Als jener dies schließlich nach sechs weiteren Zügen bemerkte und die Dame schlug, gab Steinitz sofort auf.
Er schob die Schachfiguren zusammen und begann, sie für die nächste Partie aufzustellen.
Davon wollte sein Gegner allerdings nichts mehr wissen.
Er schrie: "Ich habe den Weltmeister besiegt! Ich habe den Weltmeister besiegt!", stürmte aus dem Caféhaus und wurde dort nie mehr gesehen.
Während einer Zugfahrt nach London kam der Weltmeister Steinitz mit einem - wohlhabend aussehenden - Geschäftsmann ins Gespräch.
Im Laufe der Unterhaltung wurde Steinitz gefragt, welchen Beruf er denn ausübe.
"Ich bin Schachspieler, mein Herr!", lautete seine Antwort.
"Gut, aber ich wollte gern wissen, was Ihr Beruf ist", entgegnete der Geschäftsmann.
Daraufhin Steinitz: "Ich spaße nicht - Schachspieler ist wirklich mein Beruf."
Der Gentleman, der von seiner achtjährigen Tochter begleitet wurde, schaute äußerst ungläubig.
Doch plötzlich mischte sich die Tochter, in das Gespräch ein: "Spielen Sie immer noch Schach?"
Steinitz lächelte und meinte: "Freilich - und warum auch nicht?"
"Ich habe mit den Figuren gespielt", entgegnete daraufhin die Achtjährige, "als ich noch ganz klein war - aber jetzt spiele ich schon lange nicht mehr damit."
Während eines Wettkampfes wurde Steinitz einmal gefragt, wie er denn seine Chance sehe, dieses Turnier zu gewinnen.
Er soll geantwortet haben: "Ich habe die besten Aussichten, den ersten Preis zu gewinnen - den jeder muß gegen Steinitz spielen, nur ich nicht!"